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13. Juni 2010, 19:02

Zeitunglesen bildet

... Meinungen. Genauso wie alle anderen Medien. Auch in Zukunft. Soweit zumindest meine Meinung.

Von den SN gab es ein Special zum Thema "2020 - eine Zeitreise". Rund um dieses Kernthema wurden Zukunftsprognosen verschiedener Thematiken abgedruckt. Darunter befanden sich folgende, die mich zum Nachdenken angeregt haben:

Die Zeitung 2.0

Ausgehend von der These, dass es nur Zeitungen mit qualitativem Inhalt ins Jahr 2020 schaffen, folgte eine Aufstellung der Vorteile gegenüber anderen Medien:

  • Bei der Zeitung treffen "Profis" die Themenauswahl, man bleibt also vor dem "achrichten-Overkill" verschont.
    Was, wenn diese "Profis" eine für mich interessante Nachricht wissentlich oder unwissentlich ausscheiden? Und wer ist dieser Profi?
  • Die Lektüre ist an keinen festen Ort oder an eine Energiezufuhr gebunden.
    Außer Abends ;-)
  • Es handelt sich um ein aktives Medium, bei dem man sich die Inhalte selbst erarbeiten muss und sie somit intensiver wahrnimmt.
    Ein weiterer damit in Zusammenhag stehender Vorteil wäre meiner Meinung nach, dass man im Vergleich zum Internet größere Textmengen zur Verfügung stellen kann, da der Monitor weniger zum Lesen einlädt.
  • Nach dem Lesen der haptisch wie olfaktorisch einzigartigen Zeitung kann man mit dieser noch so einiges anstellen: man kann Dinge einwickeln, Papierflieger daraus basteln, Schuhe ausstopfen, Öfen heizen uvm.

Der Zeitfaktor ist in den meisten Fällen vernachlässigbar. Eine Zeitung kommt frühmorgens heraus - vorher konsumiert man in der Regel auch keine anderen Medien. Die Zeitung bietet aber oft mehr Hintergrund an als bloße Meldungen - und wenn man sie abonniert hat, muss man nicht weiter als vor die Türe gehen. 1

Die das-Haus-im-Grünen-Problematik

Ein Mensch scheint im Durchschnitt bereit zu sein, eine bis eineinhalb Stunden pro Tag "auf dem Weg" zu sein. Die Größe einer Stadt gehorcht auf wundersame Weise dieser Regel: Bevor die öffentlichen Verkehrsmittel aufkamen, benötigte man eine Stunde, um eine Stadt zu Fuß zu durchqueren. Nach Einführung der Straßenbahn wuchsen die Städte soweit, dass man diese mittels Straßenbahn in einer Stunde durchqueren konnte. Und heute benötigt man dafür mit U-Bahn oder PKW genauso eine Stunde.
Macht man von letzterem Gebrauch, ist aber auch schon das im Umfeld der Stadt gelegene Einfamilienhaus erreichbar, wodurch sich viele den Traum vom "Haus im Grünen" erfüllten. Wenn aber mehrere Einfamilienhäuser nebeneinander gebaut werden, bleibt vom Grünen nicht mehr viel übrig - aus der Traum. Auch rentiert es sich nicht, diese sogenannten Streusiedlungen an das öffentliche Verkehrsnetz anzubinden, wodurch hohe CO2-Emissionen durch den Individualverkehr entstehen. 2

Die fehlende Zeit

Ein Trend unserer Zeit ist, den Beruf mit nach Hause zu nehmen. Zuhause können die meisten nicht mehr "abschalten" und opfern dem Beruf summa summarum oft nicht weniger Zeit als die Arbeitnehmer der industriellen Revolution des 19.Jhdt. mit ihrer 10-stündigen 6-Tage-Woche. Glaubt man dem Artikel, kommt es zu einer Rückbesinnung auf die wahren Werte - auf Qualität und Bodenständiges - einfach aus dem Grund, weil es nicht mehr schlechter werden kann, als es schon ist. Tatsächlich stehen fair gehandelte Lebensmittel und Gerichte aus heimischen Zutaten bereits hoch im Kurs. Der neue "Biedermeier" wird "Neo-Nature" oder "Neo-Green" genannt und eine zu erwartende Explosion der Energiekosten führt ohnehin dazu, dass importierte Lebensmittel endlich teurer werden als heimische, wodurch letzteren wieder der Vorzug gegeben wird.
Mehr Freizeit kommt aber nicht nur den Arbeitnehmern zugute, nein, auch die Arbeitgeber profitieren von weniger Krankenständen und motivierten Mitarbeitern. Diese rosige Zukunft wird aber - so der Artikel - für die nächste Generation zu langweilig. Sie wird das Tempo wieder erhöhen... 3

Zum Schluß

Meiner Meinung nach handelt es sich um anregende Artikel - aber leider wurde die im ersten Artikel geforderte Qualität selbst nicht eingehalten. Welche Referenzen gibt es z.B. für die Prognose, dass es nur Zeitungen mit qualitativem Inhalt ins Jahr 2020 schaffen - oder für die Behauptung, dass die Energiekosten explodieren? Oder handelt es sich dabei etwa um die Meinung des Autors?

Quellen

  1. "Die Zeitung hat Zukunft" von Manfred Perterer, Salzburger Nachrichten, Sonderausgabe Juni 2010, S. 49
  2. "Ohne Haus im Grünen" von Martin Stricker, Salzburger Nachrichten, Sonderausgabe Juni 2010, S. 25
  3. "Mehr Zeit" von Peter Gnaiger, Salzburger Nachrichten, Sonderausgabe Juni 2010, S. 26
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Kommentare

15. Juni 2010, 09:35 Zeitung und Zeit

von: D.

Tageszeitungen funktionieren momentan schon mehr schlecht als recht, finde ich. Was ganz druckfrisch und aktuell in einer Zeitung steht wird durch Echtzeitinformationen schon längst überholt. (Auch wenn Zeitung lesen natürlich gemütlicher ist, als durch Ticker und Twitter gehetzt und informiert zu werden.) Und zur Zeitung in der Früh und als erste Informationsquelle: Hier (Gemeinde am Land, oberösterreichischer Raum) wird die Tageszeitung durchschnittlich so zwischen 15 und 16 Uhr, also eigentlich spät nachmittags, zugestellt. Da weiss ich dann im Idealfall schon was am Tag zuvor so passiert ist. (Und wenn nicht, sollte es auch nicht mehr relevant sein.)
Ich mag Zeitungen, die Gedruckten. (Auch wenn ich noch nie darin Fisch eingewickelt habe, nach der Lektüre. Oder einen Papierflieger daraus gebastelt habe, auch weil ich an der Stabilität und Flugeigenschaft zweifeln würde.) Ich bin mir nicht sicher ob es sie 2020 noch in der Form geben wird. Und ich würd mir wünschen, dass es selbst schon 2010 mehr Qualitätsjournalismus (tatsächlich recherchiert und nicht von Pressemeldungen abgeschrieben) und weniger Nationalstolz und Boulevard in österreichischen Medien geben würde.

Kommentare

16. Juni 2010, 09:14 Sir Peter Ustinov sagt(e):

von: TKNY „Die letzte Stimme, die man hört, bevor die Welt explodiert, wird die Stimme eines Experten sein, der sagt: 'Das ist technisch unmöglich!'“

Kommentare

19. Juni 2010, 12:28 Zeitungen

von: Manu

Ich las einmal von der Prognose, laut der Tageszeitungen abnehmen werden, aber dafür Wochenzeitungen beliebter werden würden. Kann ich mir auch gut vorstellen. Die Tageszeitung ist m.E. schon Informationsoverkill - ich komme gar nicht jeden Tag dazu, sie durchzulesen. Und wenn der Chefredakteur einer großen Zeitung schon sagt, dass er nicht das Gefühl hat, einen Überblick über alles zu haben, aber stattdessen ständig glaubt, er verpasst eine wichtige Meldungen, dann ist das nur ein Symptom davon. Mir sind daher Wochenzeitungen mittlerweile viel lieber, weil sie sich eingehender mit dem größeren Geschehnissen befassen, die langfristig Konsequenzen zeigen. Tageszeitungen sind z.T. echt auf der Suche nach Artikeln, um die Seiten zu füllen, und dann kommt viel Schrott rein. Oder sie versuchen, alles reinzubringen, wodurch jeder Artikel vier Zeilen Länge nicht überschreitet.

Wobei ich aber nicht sicher bin, ist dass Zeitungen mehr Inhalt vermitteln können als das Internet. Wenn man Artikel aus Tageszeitungen im Druck und in der Onlinefassung vergleicht, sind die online länger. In meiner Arbeit schreibe ich auch lieber für die Website, weil ich da meist zumindest ein Drittel, oft sogar das Doppelte an Platz habe.
Wochenzeitungen sind da aber auch wieder was anderes. Deren Artikel sind so lang, dass sie auf dem Bildschirm schon anstrengend zu lesen sind.

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