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02. August 2009, 15:18

Das Nichts

Ich lese gerade ein Buch von Erich Fromm mit Namen "Wege aus einer kranken Gesellschaft", welches sich mit der Entfremdung von uns selbst beschäftigt. Das Lesen gestaltet sich für mich sehr ambivalent, da ich mich manches Mal ob der aufgestellten Thesen und Behauptungen zwingen muss, weiterzulesen. Manches hingegen entspricht genau meinen Ansichten - dazu zählt etwa der folgende Satz:

Der Mensch fürchtet sich vor seiner neu gewonnenen Freiheit und war von dem Bedürfnis besessen, seine Zweifel und Ängste dadurch zu unterdrücken, daß er eine fieberhafte Aktivität entwickelte.

(Fromm, Erich: Wege aus einer kranken Gesellschaft. Eine sozialpsychologische Untersuchung. 5. Auflage 2006, S. 155.
Deutscher Taschenbuchverlag GmbH & Co. KG)

Die durch die industrielle Revolution und den Kapitalismus gewonnene Freizeit füllen wir mit Aktivität, um die Leere in uns zu füllen. Somit sind wir keine Sekunde ohne Beschäftigung, wodurch uns glücklicher Weise auch keine Zeit bleibt, um über so manche Themen nachzudenken. Dazu zählt etwa - auch nach E. Fromm - die Frage nach Geburt und Tod.

Diese Leere können wir am besten an uns beobachten, wenn wir beispielsweise eine lieb gewordene Beschäftigung, die viel Zeit in Anspruch genommen hat, plötzlich nicht mehr ausführen. Die frei gewordene Zeit wird zwar zügig wieder mit einer oder mehreren Beschäftigungen gefüllt - aber in der kurzen Übergangszeit starren wir in dieses für uns unerträgliche Nichts.

Des weiteren schreibt er folgende Zeilen, die mich wiederum an eigene Überlegungen erinnert haben - und die mich dazu bewogen haben, heute dem Eintrag kein Foto anzuhängen ;-)

Der >Tourist< mit seiner Kamera ist ein Musterbeispiel für eine entfremdete Beziehung zur Welt. Da er ständig mit dem Aufnehmen von Bildern beschäftigt ist, sieht er selbst praktisch überhaupt nichts außer durch das Medium seines Fotoapperates.

(Fromm, Erich: Wege aus einer kranken Gesellschaft. Eine sozialpsychologische Untersuchung. 5. Auflage 2006, S. 121.
Deutscher Taschenbuchverlag GmbH & Co. KG)

Ich werde dieses Zitat als Ansporn nehmen, zukünftig nicht mehr wie ein Besessener in der Gegend herum zu laufen und alles und jeden zu fotografieren. Erstens (er)lebe ich dadurch nicht wirklich - und zweitens... wer soll sich all die Fotos anschauen? ;-)

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Kommentare

02. August 2009, 20:11 Nicht ganz okay

von: f.

Letzeres Zitat mag ich in Frage stellen: Man kann die Natur bewusst wahrnehmen und durch Fotos Erinnerungen sichern. Man kann durch diese Bilder anderen Menschen etwas von dieser Emotion mitgeben und man kann sie in sich selbst wieder aufwecken. Es gibt selten Menschen die NUR mit der Kamera herumlaufen und Fotos machen wollen. Für die meisten ist und bleibt es Schnappschuss um eben einen Augenblick festzuhalten. Dieses Zitat finde ich zu radikal und unbedacht.

Ersterer Absatz hingegen regt zum denken an, da ich auch selbst oft darüber nachdenke wie mein Leben eigentlich aussieht ohne das Hobby / das Ziel. Wer bin ich eigentlich noch? Was mache ich? Für wenn mache ich das? Meine Antwort lautet: Eine bewusst ausgeführte Tätigkeit ist gut für mich. Ich merke das. Die durchgehende Sinnfrage die man sich stellt ist meist konraproduktiv und lähmend. Man kann eigentlich so ziemlich alles zerteilen wenn man möchte. Viele Suchen den Sinn, in der Flucht nach vorne, der aber oftmals wieder leere nach sich bringt wenn beim neuen Standort der gleiche bedrohende Alltag vor der Tür klopft.

Das Thema ist schwer. Die Lösung dazu unauffindbar und der eigene Ausweg daraus ein großes Fragezeichen. Danke aber für den Artikel. Vielleicht borgst du mir das Buch ja mal ;)

F.

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