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12. Februar 2008, 00:32

Die Quelle und der Strom

von: Sári, www.naginata-austria.at

„Wer zur Quelle will, muss gegen den Strom schwimmen“.

Dieser aus Japan stammender Ausspruch ist vielseitig deutbar. Er zeigt, wie verschieden Wörter ausgelegt werden können und auf welche Weise sie die Bedeutung wechseln, davon abhängig, in welchem kulturellen Kontext sie stehen, welcher Mensch sie auslegt. Die japanische Kultur bedient sich oft der bildlichen Sprache, abstrakter Aussagen und Metaphern. Im Gegensatz zum Westen spielt im asiatischen Raum die Philosophie eine wesentlich größere Rolle, wird dem Geist mehr Bedeutung beigemessen.
(Buchtipp: „Der Zen-Weg der Samurai“ von Imai Fukuzan – Kamakura-Koan)

Der Sinn dieser Aussage ist zweifellos, den Leser zum Nachdenken anzuregen. Doch wie bereits erwähnt, ist er verschieden auslegbar. So möchte ich mich also auf drei verschiedene Auslegungen beschränken, wobei ich jedes Beispiel ausreichend erläutern werde. Die Auslegung soll zugleich die Anwendbarkeit für unser Leben darstellen.

Versuchen wir nun, diesen Satz zu verstehen, so können wir ihn analytisch in zwei Abschnitte teilen: die Quelle, als den Ursprung einer Aktion, einer Energie, die in eine Richtung sich bewegt, und einer weiteren Aktion – dem Schwimmen – das sich der Bewegung widersetzt. Daraus ergibt sich ein Kräftespiel und resultiert die Frage, welche Aktion nun stärker sei. Der Strom oder das Schwimmen? So gedacht, gibt es nur einen Gewinner. Sind beide gleich stark, gibt es kein Vorwärtskommen. Es tritt der Stillstand ein. Gewinnt der Strom, bildet er vielleicht einen See, in welchem Lebewesen eine Heimat finden und bewirkt so auf seine Weise das Gute. Erreicht der Schwimmer die Quelle, so lernt er den kleinsten Ursprung des Größten kennen. Beide Möglichkeiten liefern ein gutes Ergebnis. Daher möchte ich weder der Quelle noch dem Strom eine negative oder eine positive Eigenschaft beimessen. Jede Bewegung bewirkt ihr Gutes. Ohne die Quelle keine Bewegung, kein Strom, gegen den man schwimmen könnte, ohne die eine Bewegung verliert die andere an Existenz. Beide sind sich Zweck zum Sein.

Mein erstes Beispiel der Auslegung:

„Wer sich besinnen und zu seinem Inneren finden will, muss der Beschleunigung des Alltages den Rücken kehren, Aktionen setzen, die der Beschleunigung entgegenwirken.“

Im Alltag ist der Mensch vielerlei Beschleunigungsfaktoren ausgesetzt. Zeit bedeutet Geld, und aus Geld gestaltet sich das Leben. Der Mensch als Produktionsfaktor, als eine Zahl in der Wirtschaft. Zeit muss effektiv genutzt werden, um die Effizienz der Sache zu steigern. Das Individuum verliert an Bedeutung. Dabei vergessen die Wirtschaft und die Finanzwelt, dass ihre kleinste Triebfeder und ebenso ihre Quelle, die Menschen sind. Eine Folgeerscheinung dieser Bewegung ist Stress, aber auch daraus resultierende Schlaflosigkeit, Bewegungsmangel, Haltungsschäden, Überforderung, stagnierende und minimalistische Kommunikation und nicht zuletzt die fehlende Zeit zur geistigen Regeneration. Äußerlich beschleunigt, verlieren wir uns selbst zwischen globalen und materiellen Ansprüchen.
Eine Entschleunigung des Systems ist jedoch aus wirtschaftlicher Sicht nicht denkbar, womit ich bei meinem zweiten Beispiel angelangt bin:

„Wer sich finden will, muss Mut zur eigenen Meinung haben!“

Wer sich Beschleunigungen entziehen und seiner Persönlichkeit auf den Grund gehen möchte, braucht nicht nur Mut, sondern auch Entschlussfähigkeit. Es scheint seltsam, dass der größte Gegner oft in uns selbst schlummert. Nichts wird uns derart von Kindesalter an aberzogen wie der Mut, eigenständig zu denken und zu unseren Gedanken zu stehen. Persönlichkeitsentfaltung geht im Kollektiv unter. Die Frage unseres Lebens ist nicht „Was denkst du?“, sondern: „Lerne die Vorgabe und wiederhole sie, so bekommst du eine Note, die dich im Leben weiterbringt.“ Ist der erwachsene Mensch nun auf diese Weise weiter, bekommt er im Rahmen von Managementlehrgängen wieder beigebracht, die eigene Meinung zu verfechten. Welch Ironie!
Könnt ihr euch vorstellen, ein solches System zu ändern? Nein? Nun, ich verstehe es. Aber dann schwimmt ihr auch nicht gegen den Strom! Mut braucht es hier wahrlich!

Zuletzt möchte ich mein drittes und letztes Beispiel anführen:

„Wer wissen will, wer er selbst ist, muss die Brandung – sich selbst – überwinden. So findet er ruhige Stände vor.“

Ich möchte hier die Sinnsuche des Menschen erwähnen. Den trotz allerlei Strömungen und Störfaktoren hat der Mensch die Frage nach dem Sinn nie verlernt. Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist in jedem Menschen verankert und unabhängig von Rasse, Herkunft und religiöser Zugehörigkeit. Die Brandung mag vielleicht für alles Materielle stehen, an das wir zu glauben und festzuhalten erzogen wurden. Diese zu überwinden stellt eine große Hürde dar. Um an ruhige Strände zu gelangen, ist es manchmal notwendig, durch die Brandung zu gehen. Wo das Eine ist, findet sich das Andere. Eine anstrengende und abenteuerliche Reise voller Mut und Hoffnung wird letztlich immer belohnt!
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Kommentare

15. Februar 2008, 21:44 Steter Tropfen, der den Stein höhlt

von: CwB, www.andersleben.at

"Der Zen-Weg der Samurai" hört sich nach einem vielversprechenden Buch an. Danke für den Tipp!

Soweit ich die Sinnhaftigkeit der Koan-Praxis verstanden habe, ist deren Sinn, sich von eben jenem zu trennen. Das ewige Streben nach Sinn soll durchbrochen werden. Der Gipfel dieses Strebens ist der "Sinn des Lebens". Ich bin aber davon überzeugt, dass es erstens diesen nicht gibt und man ihn zweitens auch nicht benötigt, um ein erfülltes Leben zu leben.

Zum Fall der gleichen Stärke fällt mir eine Kendo-Anekdote ein! Zwei sehr erfahrene und hoch graduierte Kendoka stehen sich im Wettkampf gegenüber. Beide reglos im Kamae, bis die zur Verfügung stehende Zeit verstrichen ist. Ein Unentschieden ist die Folge. Warum? Keiner der beiden hat sich eine Blöße gegeben, beide standen in einem nahezu perfekten Kamae. Dadurch gab es auf keiner Seite eine Chance, beide waren gleich stark. ;-)

Geld wird in unserer Gesellschaft leider hoffnungslos überbewertet. Wenn man sich - was viel zu oft der Fall ist - nur darauf konzentriert, mehr zu verdienen oder auf welche Weise auch immer an mehr Geld zu kommen, hat man keine Zeit mehr, das Leben zu genießen!
Das führt zu endloser Rationalisierung und Beschleunigung. Dazu ein Zitat, das mir sehr gefällt:

In der heutigen Welt hat jede Technik der Verlangsamung etwas Fortschrittliches. Roland Barthes, Wie zusammen leben, S.59

Noch ein Satz zur Gedankenkontrolle. Ein subtilerer Weg, das eigenständige Denken zu unterbinden, ist, fertige Gedanken zur Verfügung zu stellen. Dadurch wird es viel bequemer, diese Gedanken zu übernehmen, als selbst zu denken. Und dabei benötigt man nicht einmal ein Verbot! Deshalb bemerken viele diese Manipulation nicht einmal - ich spreche aus Erfahrung. Aber, wie meine Latein-Lehrerin schon zu sagen pflegte: "Denken macht soooo schön!" *G*

Grüße, CwB

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